Juli 2024

08.07.24 16:56

Zurück vom Retreat, noch so über emotional. 50 Leute und zero WLan war mindestens so gut wie das Essen. Diese Hippies.

Auf dem Rückflug war ich noch so offen, hab gerne mal Leuten ins Gesicht geschaut, bis ich es dann gemerkt habe. Ich bin wieder in Deutschland, entschuldigen Sie bitte, mein Fehler. Ich schau ja schon woanders hin.

-pb

MO 08.07.2024 18:29

Mein Retreat: AU bis zum 19.7. 

KR

DO 11.07.2024 17:59

Allein nur durch’s Lesen deiner einen Mail stieg bei mir der Stresspegel. Kinder und so viel Arbeit: auf Dauer nicht zu wuppen. Wie gesagt, zumindest eine vier-Tage-Woche sollte Standard sein für Eltern, bei gleichem Lohn. 
Nur doch zu viele Leute, die dann mit so was kommen, wie: Aber früher, da haben die Leute… Und haben auch nicht gejammert.
Ja, früher.

Erinnere mich noch gut an die Zeit, als ich Bubi dazu gebracht habe, 50% Kinderbetreuung zu übernehmen. Einfach weil ich’s fair fand. Schließlich hat er ja auch nur für sich selbst Geld verdient und kostenfrei bei mir mitgewohnt. Aus meinem Bestehen auf Fairness (wobei richtig fair noch ganz anders ausgesehen hätte) wurde dann allerdings: Die schafft es noch nicht mal auf zwei Kinder aufzupassen. Und obwohl alle wussten, gemeint: seine Verwandtschaft, dass ich nur auf Fairness pochte, klebt dieses Stigma des Überfordert-Seins bis heute in Resten noch an mir.

KR

11.07.2024 19:03

Dieses Früher von dem immer alle reden … Als ich Kind war, da dachte ich immer, der große Krieg ist ja erst einige Jahrzehnte her, und die VON FRÜHER reden haben bestimmt Schlimmes erlebt (haben sie bestimmt). Es muss realiter echt schlimm gewesen sein, dieses Früher. Und dann dauerte es nicht lange, und die ganzen fetten rosigen 60er 70er 80er 90er Säuglinge labern  den gleichen Scheiss von diesem „Früher“, genauer muss es keine:r ausführen, aber weiss man doch, es war „hart“ war und alle haben es „trotzdem“ gewuppt. Ach Leute, am Arsch. Echt, am Arsch.

-pb

DO 11.07.2024 19:39

Habe gerade mit Thies telefoniert. Der ist gestern mit fünf Kumpels nach Portugal geflogen. Von Berlin aus. Der Flug hatte drei Stunden Verspätung. Nicht wegen der heftigen Gewitter, die über Berlin abgingen, sondern wegen einer Frau, die Flugangst hatte. Ihre Flugangst aber wegen der Gewitter. Musste Flieger, der gerade schon zum Beschleunigen angesetzt hatte, wieder stoppen und es musste ein kleiner Bus direkt zur Startbahn kommen, um das Nervenbündel abzuholen. Und dann musste sich der Flieger nochmal ganz hinten in der Warteschlange anstellen.

Laut Thies kursierten unter den genervten Fluggästen Anekdötchen über ähnliche Vorkommnisse, wo aber Männer in Panik geraten waren. Thies meinte: War so, als wäre da eine Angst gewesen. Die Angst, dass irgendwer Dummes anfangen könnte über Frauen zu reden, hysterische. Und dann Schlägerei und noch mehr Verspätung. 

KR

DO 11.07.2024 20:12

Ich bin jetzt übriges voll auf Podcast. Nachts höre ich mir die an. Kann ja nicht schlafen. Und was wäre die Nacht ohne Blödsinnigkeiten. Ich meine, wenn man schon nicht schläft, also auf merkwürdige Träume verzichten muss, dann kann man sich doch auch einfach von etwas anreden lassen, das ähnlich absurd ist wie Träume. Deswegen habe ich ein Abonnement für einen esoterischen Hexenpodcast. Allerdings auch eins für einen Podcast, in dem es um Physik geht (ein Bildungsauftrag, von staatlicher Seite finanziert). Ja, ich bevorzuge eine ausgeglichene Mischung. Aber es wird wirklich leicht verrückt, wenn ich dann doch mal in einen schlaf-ähnlichen Zustand gerate, mir gerade den Hexenpodcast anhöre, aber denke, es wäre der Physikpodcast. Oder umgekehrt.

KR

11.07.24 21:29

Esoterischer Hexenpodcast klingt gut. Es gibt ein Buch, Satanic Feminism, ich fand es durchschlagend vom Titel her, es sah gut aus und war nicht zu teuer als Weihnachtsgeschenk. Ich glaube, es geht darum, inwieweit Satanismus und derlei der Liberation und Emanzipation erheblich Vorschub leisten konnten. Jetzt brauche ich nur noch jemanden, der es liest und mir davon berichtet.

Wir sind dann auch in Portugal ab dem 25., am Meer nördlich von Lissabon, alles nicht weit auseinander, Mietwagen, alle in einem Zimmer, mit Terrasse. Pool ja, infinity nein.

Mueller-Bornselker hatte vormittags seine Online Nebentätigkeit gekündigt, wo er seit 2019 drin war, im Rahmen seines eigentlichen Jobs. Ehrlich gesagt, ihm war es etwas langweilig geworden, schon vor längerem, immer dieselben Bausteine, aufeinander aufbauende Fragen und Empfehlungen. Immer etwas anders, immer ziemlich gleich, er hatte es längst nur noch weitergemacht weil er dachte, es brächte ihm Punkte beim Job. Zusätzliche Engagements und so. Als sich dann rausstellte, alles Pustekuchen und es ist eigentlich völlig egal wie viel er macht oder wie wenig, da fand Mueller-Bornselker wirklich keinen Grund mehr. Heute also das Telefonat mit der Onlineberatung. Es sind so liebe, sensible Leute, so zugewandt und echt persönlich, was er anfangs gar nicht erwartet hatte, wo sich kaum einer von denen im RL (real life) kennt. Oder ist das Persönliche grade dort besonders wichtig, dachte er, damit man nicht vollends das Bot-Feeling kriegt? Bot-Berater, Bot-Klienten, Bot-Kollegen? Jedenfalls war es für ihn zum Ende nochmal total rührig und warm. Außer der 5-Jahre-Tasse, die er vor einiger Zeit verliehen bekommen hatte, war dieses Gefühl vielleicht das Einzige, was eines Tages von all dem übrig geblieben sein würde, dachte er. 

-pb

14.07.24 09:13

Wenn wir nicht schon eine wäre, wir könnten eine Selbsthilfegruppe aufmachen in Sachen Arbeitsstress.

Farid Mueller-Bornselker war wieder so abgefressen, seine Leitung hatte sich drauf kapriziert, seine schriftlichen Fachdienste zu bekritteln. Schreibt drin rum, streicht hier und da, nimmt Monate an Verschleppung der Anträge in kauf, weil sowas dauert natürlich. Mails hin, Mails zurück, überarbeiten oder nicht, nochmal ein paar Wochen warten bis es weitergeht. Leider hat sie als Berufsanfängerin gar keine Ahnung – nach einem Jahr hatte sie von der damaligen Amtsleiterin die Stelle geschenkt bekommen, nachdem sie sich bei der alterssenilen Rentnerin als jugendliche Powerfrau hatte inszenieren können. Vorher augenscheinlich schlecht ausgebildet, auch danach kaum Berührung mit klinischen Sachverhalten und jetzt fühlt sie sich ganz „verantwortlich“ und muss überall rummachen. Mueller-Bornselker, naja, er hielt sich nach über zehn Jahren die Sache interessant, indem er etwas weitläufiger dachte, hier und da noch was sehen und anmerken. Prüfen kann sie es nicht mangels Fachlickeit, aber alleine, dass es so wirken könnte, als seien andere kompetenter als sie! Der Leitungstyp, der alles was das eigene Niveau übersteigt (nicht schwierig) bekämpfen muss, mit den bekannten Folgen – alle machen die Luken zu, Dienst nach Vorschrift, minimal, funktional, keinen Pups zuviel. Will ich das, fragte sich Mueller-Bornselker. Er war mal wieder an dem Punkt. Er hatte versucht, sich einzurichten in der Akzeptanz der überwiegenden Langeweile. Aber so? Vielleicht wird es auch nicht anders gehen, dachte er. Nach Donnerstag Freitag hatte es ihm erstmal das Wochenende versaut, weil er die schlechte Laune nicht auf der Arbeit lassen konnte und außerdem die nächsten Stellungnahmen schon in der Mache waren, die wieder durch dieser Dummheit Sperrfeuer würden hindurch müssen. Eat, sleep, kotz, repeat. Das letzte Ding war noch nicht lange her, die Scheisse mit dem Geld und ihr Verlauf, und das war für ihn eigentlich schon Downer genug gewesen.

-pb

MO 14.07.2024 16:40

Ich bin wie paralysiert, mache in jeder Hinsicht nur noch das Nötigste. Eine so lange Strecke, auf der weder diverse Strategien aufgingen noch irgendwas Gutes aus Zufall passierte, habe ich noch nie gehabt.

Gefühlt ignorieren alle mich Umgebenden meine Wünsche und Vorschläge – und das schon sehr lange. Dann sagt Mutti: Nö so, ich will nicht mehr nur alle anderen bei der Stange halten. Mach ich nicht mehr. Der klassische Cut im Leben einer 50-Jährigen, vor allem einer, die seit Jahren in prekären und fragwürdigen Jobs rumeiert.

Claus schlug mir vor, mich in psychotherapeutische Behandlung zu begeben, weil es mir ja so schlecht ginge.
Ach ja? Ich jetzt, schön so eine Therapie machen, weil es mir schlecht geht angeblich?
Nichts, grundsätzlich, gegen eine Therapie, das schadet ja nie, aber fühlte sich in dem Moment so an, wie: die einfachste Lösung für ihn. Hauptsache, du bleibst unbescholten oder was? dachte ich. Und als hätte er meine Gedanken gehört, sagte er: Ich, ich war doch aber immer nett zu dir, oder? Vielleicht fragst du das mal deine zukünftige Therapeutin, dachte aber sagte ich nicht.

KR

16.07.24 22:28

Raging Bull steht dir. Jemand hat mal gesagt, Wut hat ne Richtung, richtet sich gegen was, die geht irgendwohin, während die Depression nur Nebelbombe kann, sich nur nach innen frisst, alles zerfrisst.

Ich finde meine Freunde auch nur begrenzt belastbar, wenn mal was ist. Es gibt halt die Komfortzone, man will sich ja nichts böses oder schlechte Stimmung, mirnixdirnix, ich bitte Sie doch nicht hier. Dariusz war anders, der konnte alles aufnehmen, kein Schwarz zu schwarz, keine Tiefe zu tief, kein Lang zu lang. Ich war ja auch so für ihn, konnte verschwinden hinter der Geschichte, lass mich deine Leinwand sein. Nirgends auch nur einen Hauch von Klugscheißerei, und auf dem Boden unserer Löcher sitzend, da hatten wir uns in den besten Momenten. Spaß war eigentlich nie unser Ding.

Beim Yoga geht’s dauernd um Transformation. Ewige Transformation, Weiterentwicklung, Umwandlung, hin zur Offenheit ggü. und Auflösung in Universum und Weltgeist. Darunter machen wir es natürlich nicht. Sonst wären wir ja Tiere! Sublimate, meditate, transform, repeat. Hunde, wollt ihr ewig wiedergeboren werden? 

-pb

DI 16.07.2024 18:02

Gestern war ich mit Steffen Schlauchbootfahren auf dem Kanal. Sind wir an Brombeerhecken vorbeigekommen, die richtig dicke, reife Früchte trugen. Bitte fahr näher dran! Ich liebe Brombeeren! Und im Laden sind sie viel zu teuer. Und obwohl Steffen Angst hatte, dass sein Boot von den stacheligen Sträuchern zerplatzt würde, ist er meinem Wunsch nachgekommen. Ein paar Mal wären wir fast gekentert, weil die dicksten Beeren nicht ganz in Griffweite hingen und ich mich in meiner Gier weit aus dem Boot hinauslehnte. Steffen fand das überhaupt nicht lustig. Jetzt hast du aber mal genug gegessen, sagte er nach einer Weile und ruderte das Boot zurück in die Mitte des Kanals.

Aber wir haben den Plan gefasst nochmal zurückzukommen. Ich steig dann ins Wasser, meinte ich. Du setzt mich vor den Hecken ab und ich pflücke, im Wasser stehend.
Wir sprachen auch noch über die Behälter für die zu pflückenden Beeren. Ich sagte, ich hätte ganz viele, aus Glas. Seitdem ich eine Spülmaschine habe, ist mein ganzer Küchenschrank voll davon. Aber Beeren müssen in 0,5l Joghurtbecher rein, befand Steffen. Oder in 1l Eisbehälter. Nur dadurch, meinte er, würde sich das richtige Beerenpflückgefühl einstellen und außerdem: Glas kommt mir nicht ins Boot. Wie Glas in einem Gummiboot nun kaputtgehen soll weiß ich zwar nicht, aber solange ich keine Landstelle ausfindig machen kann, an der gute Brombeeren wachsen, dürfen seine Gesetze gelten. Ist ja auch sein Boot. Und da sich Steffen nun erstens des Öfteren mal Fürst Pückler im 1l Behältnis kauft und ihm zweitens die selbstgemachten Rouladen seines Vaters stets in second life Plastikbehältnissen mitgegeben werden und er zumindest ein Drittel von all diesen Plastikdingern aufbewahrt: Na, dann bring mit.

Ich bin übrigens immer nur Beifahrerin im Boot. Ich sitze und Steffen paddelt. Komme mir dabei jedes Mal vor die die alte Blonde, die sich von ihrem Ehemann im Cabrio rumfahren lässt. Beipack für seine Leidenschaft.
Das Boot, in Kajakform, hat Steffen sich letztes Jahr gekauft, nach dem Fehlkauf vom vorletzten Jahr. Das erste Boot, der Fehlkauf, auch in Kajakform, war ein Sonderangebot bei Aldi gewesen. Und es brauchte keinen Scherzbold für den Hinweis, dass es aussah wie eine Vulva mit extrem geschwollenen Schamlippen. Ich habe dir ja mal ein Foto von Steffen geschickt, wie er da drinsaß, versunken und missmutig. Vielleicht erinnerst du dich.
Jedes Mal, wenn wir mit diesem ersten Boot unterwegs waren, bekam Steffen sehr schlechte Laune, denn das Fahrverhalten (Gleitverhalten) war wirklich nicht gut, oder entsprach nicht seinen Vorstellungen. Und an einem Tag, vor zwei Jahren, den wir als letzten Sommertag ausgemacht hatten (und tatsächlich behielten wir Recht), ließen wir das Boot am Ufer liegen, aufgepustet, fahrtüchtig. Steffen ist abends nochmal hingegangen und hat einen Zettel drangemacht: Zum Mitnehmen. Als wir am nächsten Tag vorbeischauten, war es tatsächlich weg. Sind wir an den Tagen darauf – denn wir fühlten uns doch verantwortlich, also wollten keinen Müll hinterlassen – noch ein paar Mal spazieren gegangen, am Kanal entlang, um zu gucken, ob das Boot eventuell an anderer Stelle frustriert an der Uferböschung zurückgelassen worden sei. Aber nein. Auch auf social media, unter #vulvaboot, hannover, müll, tauchte es nicht auf. Also konnte ein neues gekauft werden. Denn das alte war ja wirklich weg.

Die wunderschönste Geschichte über Brombeeren hat, für meinen Geschmack, Richard Brautigam geschrieben. Sie ist sehr kurz, umfasst nur circa 200 Wörter. Der Titel lautet ‚Brombeerfahrer‘ und der Ich-Erzähler beschreibt einen Ort, wo sehr dickes Brombeergestrüpp ist und von Leuten Stege aus Holz oben auf die Hecken gelegt wurden. Da geht er drauf lang und kommt zu einer Stelle, wo ein tiefes Loch ist, in dem Gestrüpp, unterhalb der Stege. Und er sieht dort unten, da tief unten, ein Oldtimer-Auto, springt hinab, setzt sich hinein in das verwitterte Auto und hört von da aus, wie die Leute oben auf dem Steg sagen: Oh guck mal, diese dicke Brombeere!
Na ja, so ähnlich. Eine tolle Geschichte, die glücklicherweise nicht auserzählt ist. Nicht beschrieben, wie der Erzähler wieder hinaufgekommen ist.

Jetzt denke ich nochmal an neulich, als ich am Kanal saß und alle Leute auf der gegenüberliegenden Seite, die dort mit dem Fahrrad langfuhren, sagten: ‚Oh guck mal, das Wasser ist ja total rot!‘ Ich schrieb davon.
Das Ähnliche, in Bezug auf die Brombeergeschichte: Irgendwo zu sitzen, wo du Leuten zuhörst, die ein Erstaunen über ein Phänomen ausdrücken, während du sie unbemerkt beobachtest und schon weißt, dass sie gleich genau das sagen werden, was du selber auch mal gesagt oder gedacht hast: Bei der ersten dicken Brombeere oder dem ersten Blick auf das rote Wasser. Aber jetzt bist du Gott, der ungesehen im Gestrüpp sitzt und das Erstaunen oder Entzücken der putzigen Menschen beobachtet, die nicht wissen, dass sie sagen werden, was alle vor ihnen auch schon gesagt haben.

Ich habe mal etwas getan, das ich bis heute nicht aus dem Kopf kriege. Es war eher eine Kleinigkeit, die sich aber doch in mein Gehirn brannte. War auch was mit heimlichem Beobachten:
Vor langer Zeit (ist so 17 Jahre her), habe ich (heimlich) einen 20 Euroschein aus Bubis Portemonnaie genommen. Ich fand, dass er mir Geld schuldete. Aber ich konnte auch davon ausgehen, dass er davon ausging, dass ich niemals an sein Portemonnaie gehen würde. Er kannte mich gut genug. Und es entspricht tatsächlich einfach nicht meiner Art, an Sachen von anderen zu gehen. Und schon gar nicht, Geld aus Portemonnaies zu entwenden. Ich mach sowas nicht. Aber dann bin ich, dieses eine Mal, an Bubis Geldbörse gegangen und habe diesen 20 Euro Schein genommen.
Es war dann aber überaus grauenhaft zu sehen, wie er sein Portemonnaie öffnete, da weniger Geld drin war als er dachte und wie er anfing rumzusuchen. Das war in der Zeit, als wir noch zusammen mit unseren zwei Kindern bei mir in der Wohnung hausten. Und ja, Bubi hat damals auf meine Kosten gelebt. Worüber ich sauer war. Ihn dann aber dabei zu beobachten, wie er sich auf die Suche nach den 20 Euro machte und zu hören, wie er mit sich selbst sprach: ‚Die waren doch hier drin‘! Und wie er vor allem überhaupt nicht auf den Gedanken kam, dass ich an sein Portemonnaie gegangen war. Er, der sich mir gegenüber so oft miserabel verhalten hatte, aber dann überhaupt nicht auf die Idee kam, dass auch ich mich abgründig verhalten könnte.
Seine Naivität hat mir wirklich fast das Herz gebrochen. Er schien mir so verletzlich, wie er im Dunkeln tappte, an sich selbst zweifelte. Dass ich nur 20 Euro verschwinden lassen musste, um diesen moralisch immer schlecht handelnden Menschen zu gaslighten: das kommt mir bis heute seltsam vor.

KR

DO 18.07.2024, 20:48

Habe mir gerade nochmal die Fotos aus Zerbst angeschaut. Die vom Lederjackenverkauf, als ich Steffen begleitet hatte, mit dem Gedanken, eine Dokumentation über seine Arbeit zu machen. Ist nun auch schon wieder lange her. In dem Ordner mit den Fotos fand ich auch noch ein paar schriftliche Notizen:

Sehr bedrückend die Situation mit keiner Kundschaft. Für Steffen. Und ohne Kundschaft auch keine weiteren Fotomotive für mich. Denn die Fotos von den vertrockneten Topfpflanzen, dem Kachelboden des Verkaufsraums, der allgemeinen Ödnis, die waren schon alle gemacht. Ging ich also auf einen Spaziergang. Erst durch den Park hinter dem Hotel (wo wir übernachtet hatten und wo auch der Verkaufsraum war), dann durch menschenleere Wohnstraßen, wo ich zu meinem Erstaunen eine kleine Bäckerei fand. Ging ich rein, bestellte einen schwarzen Kaffee anstatt wie üblich einen Cappuccino (denn nach Hafermilchwollte ich nicht fragen), trank ihn an dem einen Stehtisch und als ich meinen Blick hinüber zu der Verkäuferin hinterm Tresen warf, guckte sie schnell weg, nahm einen kleinen Handfeger und fing an, die Auslageflächen zu putzen. Außer uns beiden war niemand im Laden. Weil ich meinen Kaffee da erst zur Hälfte ausgetrunken hatte, deswegen noch nicht gehen wollte, ich aber ihr Unwohlsein erspürte, verursacht durch diese fremde Beobachterin (mich), machte ich eine Bemerkung über das Wetter. Worauf die Verkäuferin nicht nur sofort einstieg, sondern vom Wetterthema ohne mein Zutun auf die Ödnis der Arbeit überleitete (‚Einfach zu wenig Kunden‘) und mich kurz darauf fragte, was mich nach Zerbst verschlagen hätte. Denn Touristen, die kämen doch nicht zu dieser Jahreszeit. Erzählte ich ihr also vom Lederjackenverkauf, aber bemerkte schnell, dass sie lieber selbst reden wollte. Und zwar vom 16. April 1945. Und es schien mir, als hätte sie sich schon die ganze Zeit in ihrem Innern darüber unterhalten, mit sich selbst, und öffnete nun einfach das Tor nach außen.
Ohne einen Übergang, ohne einen Bezug zu dem, was sie davor gesagt und mich gefragt hatte, sagte sie: Am 16. April 1945, da ist unsere schöne Stadt kaputtgebombt worden. Sie war so schön, unsere Stadt. Es macht mich sehr traurig, wenn ich daran denke, wie schön sie war.
Wie sich herausstellte, war die Frau aber erst vierzig Jahre alt. Und die weiter folgenden so lebhaften Schilderungen über das ehemals schöne Zerbst: Ich weiß das alles von meiner Großmutter, sagte die Verkäuferin. Und Fotos aus der Zeit gibt es ja auch. Es war alles so schön. Aber nichts ist davon übrig.
Ganz hässlich ist Zerbst doch gar nicht, dachte ich, während sie erzählte. Auf meinem Spaziergang hatte ich auch nichts Heruntergekommenes gesehen, im Gegenteil: Viele alte Gebäude, so wie auch das Hotel: saniert. Gut, vielleicht auf allem schon wieder eine leichte Patina, denn die Zeit der großen Sanierung, nach der Wende, auch schon über dreißig Jahre her. Aber allein der kleine Park hinter dem Hotel: trotz der Gräue (die der Jahreszeit geschuldet war): so hübsch angelegt wie als wär’s in Baden-Baden. Aber das hatte die Frau wohl gemeint. Zerbst war mal wie Baden-Baden, und zwar überall. Und als ich später noch weiter spazieren ging, sah ich das ganze Desaster, all die Plattengebäude, die in die Lücken gebaut worden waren. Nur um das Hotel rum ließ sich erahnen, was mal gewesen war.

Nun, über eine halbe Stunde sprach die Frau davon, wie blühend und schön Zerbst vor der Bombardierung gewesen sei. Dann kam Kundschaft in den Laden. Als hätte sie sich nur mit einem Geist (oder nur mit sich selbst) unterhalten, ging die Verkäuferin ins Verkaufsgespräch mit den neuen Kunden und ignorierte meine Anwesenheit. Und kein Mensch der Welt hätte nun noch erahnen können, mit welcher Traurigkeit sie sich kurz zuvor herumgeplagt hatte. Sie bemerkte dann auch gar nicht, dass ich den Laden verließ und hörte auch nicht meine freundlichen Worte zum Abschied. Ich hätte rausgehen können ohne zu bezahlen. Aber ich hatte schon bezahlt, gleich am Anfang.

Ich bin dann weiter und entdeckte eine wirklich sehr hübsche Buchhandlung, die in dem ehemaligen Postgebäude untergebracht ist. Prominent aufgebaut, gleich am Eingang des Ladens, ein Tisch, auf dem einige Chroniken über Zerbst auslagen und auch ein paar Romane von zerbster Autoren. Alles in Eigendruck verlegt oder zumindest nicht von einem größeren Verlag herausgebracht. Habe ich diese Bücher durchgeblättert und auch da: der 16. April 1945 das Thema, um das alles kreiste. Die Buchhändlerin, die sich mir, nachdem sie mich kurz beobachtet hatte, zur Seite stellte, erläuterte mir zwar ganz zugewandt meine Fragen zum 16. April, wollte mich dann aber doch lieber dahin leiten, wo die Bücher der letzten Buchpreisträger*innen auslagen. Und als ich darauf nicht so gut ansprach, sagte sie: Wir haben hier auch noch wirklich schöne Notizbücher. Ich kaufte eins und setzte danach meinen Spaziergang fort.
Weil ich nun ein Buch zum Reinschreiben hatte, wollte ich das nutzen und ging in ein Café (eine alteingesessene Konditorei), um meine bisherigen Begegnungen zu verschriftlichen.
Am Nebentisch saßen fünf alte Leute, die Kuchen aßen und sich dabei, wunder was, über den 16. April 1945 unterhielten. Fast kam es mir vor, als wäre ich in eine Aufführung geraten, die eigens für mich, der Touristin, inszeniert wurde. Aber das war natürlich völlig falsch gedacht. Es war keine Aufführung. Und mein Interesse an ihrem Interesse für den 16. April, wäre an diesem Ort ganz sicher nicht von Interesse gewesen. Ich hörte den fünf Alten, die mich nicht ein Mal direkt anguckten, dann auch einfach nur zu, also sprach sie nicht an, und schrieb auch nichts in mein Heft. Denn das wäre mir ungehörig vorgekommen.

Glaub mal nicht, dass du einfach irgendwo reinspazieren kannst für eine nette Unterhaltung. Sind wirklich richtig schlimme Leute hier, hatte Steffen zu mir gesagt, bevor ich losgegangen war und meinen Gedanken geäußert, vielleicht das ein oder andere Gespräch zu haben. Das wird nicht klappen, hatte er gesagt. Und sowieso, alle werden dich hassen, allein dafür, dass du die Zeit hast spazieren zu gehen oder die Zeit, an etwas interessiert zu sein. Das mögen die nicht.

Als ich zurückkam, gegen fünf, sagte Steffen, ohne mich zu fragen, was ich erlebt hatte: Ich habe nur eine Jacke verkauft. Waren aber auch nur drei Leute hier, insgesamt. Vielleicht, dachte ich, wäre es sinnvoll gewesen, draußen vorm Verkaufsraum ein Schild anzubringen:16.4.1945! Das hätte eventuell ein paar mehr Leute angelockt.

KR

24.07.24 08:10

Der Mehrwert von Kontakten, Verwertbarkeit, für die eigene Karriere oder den eigenen Ruhm. Sind die Menschen die ich treffe verwertbar für mein Fortkommen? Ende August macht die Leitung meines Uni-Jobs ein Gartenfest im weitläufigen Areal hinter ihrem Haus in Weissensee und hat alle eingeladen, ich habe überlegt. Erster Reflex, da gehst du nicht hin, zweiter Gedanke, naja sie ist aber auch ganz scharf irgendwie, daneben mag ich sie in ihrem bescheidenen Auftreten, dritter Gedanke, wenn meine Kolleg:innen auch da sind könnte es ganz nett werden, vierter, ich will / muss mich endlich beruflich weiterentwickeln, wenn ich nicht langsmal mal einen Fuß vor den anderen setze dann wird es nie was.

Das ist aber was anderes, als Zufallsbekanntschaften auf Nützlichkeit abchecken, oder darauf, ob es mich irgendwie aufwertet, sie zu kennen. Ist das ein:e Promi? Macht was interessantes, das sich weiterzuerzählen lohnt? Kann ich mich sonnen und interessant machen, wenn ich die Person kenne? Kaltes Grausen.

Um Sechs war ich unten rauchen, es kam grade der Handwerker, bei uns im Haus der Laden wird neu gemacht, das japanische Restaurant ist raus, jetzt kommt – was? Ich hatte noch eine halbe Zigarette und sprach ihn an. Fahrräder, Elektro, Fahrradklamotten. Ah ja, Fettmitte, ein paar Meter neben den Flagshipstores, n ganz hippes Ding wird das. Türlich türlich. Ich so, Hauptsache keine Gastro (der Lärm). Er ist wohl schon ne ganze lange Weile in der Gegend tätig, berichtete, welche Inneneinrichtung welchen Ladens wieviele Hundertausend gekostet hat und was hier bei uns gut läuft, was bald wieder weg sein würde weil zu wenig Umsatz (Elektrofahrräder zum Beispiel), dass Chizoburger in der Auguststr. ne Goldgrube ist, der nebenan sich grade mal so einigermaßen hält und der am Kottbusser Damm (oder so) demnächst zumacht, weil das zwar ne Partygegend sei, aber wenn die Leute nachts mit ihren Sternies auf der Straße rumstehen geben sie nicht n Zwölfer für einen viel zu kleinen exotischen Burger aus (lecker sind die schon).

Ich trage jetzt schon hellere Klamotten beim Yoga als vor zwei Jahren, als es begann, the transformation ist langsam und keine Ahnung was das alles wird, aber will not be postponed, as it seems. Unsere Trainerin war auch grade von ihren Retreats zurück, bei dem einen hatten wir uns getroffen, sie hatte noch ein anders hinten dran gehängt. Sie war nicht ganz so gepitcht wie ich, Profi eben, aber unsere Stimmung war heiter, wenn eine:r eine Reise tut dann kann er:sie was erzählen. Aber bitte, doch keine Details, geh‘ doch selber wenn du es echt wissen willst, Bilder im Kopf machen sowieso nicht satt. Die Anderen unserer Klasse haben neidische Gesichter gemacht. Im Nachgang, es wäre schön gewesen wäre, sie wären alle mitgekommen.

-pb

SA 27.07.2024, 20:34

Ich schrieb ja schonmal davon, dass ich auf ZON gerne auf die Rätselseite gehe und da Hashiwokakero spiele und auch Wortiger (wordle). Bei den beiden Dingern gibt es aber nur ein Spiel pro Tag. Weswegen ich jetzt noch Sodoku hinzugenommen habe. Sodoku mochte ich nie besonders gerne, weil ich feststellen musste, ähnlich wie bei Schach, dass mein Gehirn nicht um so viele Ecken denken kann wie ich das gerne hätte.

Bei Wortiger habe ich das gesuchte Wort spätestens beim dritten Versuch und sehr oft schon beim zweiten (gruselig oft auch beim ersten, aber das ist was anderes…). Kombination von glücklichem Zufall und logischem Denken. Na, heute ist nicht der Abend, wo ich das, was ich sagen will, ausführen kann. Ich finde das Thema aber sehr interessant. Ich bewahre es noch auf. Das Ding mit Sodoku: irgendwas ist in meinem Kopf passiert. Auf ZON gibt es die Kategorien leicht, mittel, schwer, sehr schwer und höllisch. Nachdem ich mich in der Kategorie leicht rumgetrieben hatte, bin ich auf höllisch gegangen, und siehe da: irgendwie schienen mich die vielen vorgegebenen Zahlen bei ‚leicht‘ irritiert zu haben. Bei ‚höllisch‘ hab ich einfach den Ansatz wie bei Wortiger verfolgt: bisschen bewusst logisch nachdenken, bisschen Vertrauen darauf, dass der Algorithmus im Gehirn-Hintergrund es schon besser weiß, und siehe da: ich knacke ‚höllisch‘ ganz leicht.

KR

28.07.24 20:29

Vorhin waren wir baden, kleine Bucht irgendwo, der Atlantik beisst krass, er ist so kalt und mir kommt es immer vor, als wäre da noch was anderes im Wasser, außer flüssigem Eis. Ein Glück haben wir noch den Pool.

Morgen Surfen für Anfänger und Mittwoch ab 15 Uhr ist hoffentlich meine heiß (ha!) ersehnte Sweat Lodge, eine spirituelle Sauna wo man stundenlang bei zig Millionen Grad im Stockfinsteren sitzt, dicht an dicht mit den anderen halbnackten Männern und Frauen, auf dem von der Luftfeuchte immer schlammiger werdenden Lehmboden, und meditiert. Was soll man auch sonst machen. Alles fängt an wehzutun vom Stillsitzen, du fühlst Knochen auf Lehm als wäre gar keine Haut, Muskeln und Fett dazwischen, stündlich gibt es etwas frische Luft wenn neue glühende Steine reinkommen in die kleine Grube in der Mitte. Beim letzten Mal, 2018 /19 muss es gewesen sein, gab es dazu kleine Talks. A-HO! Unser Spiritual Guide (derselbe jetzt wie damals, unvergessen, hager, nackt, portugiesisch, in seiner zu großen schlabbrigen Feinripp Unterhose), warf ein Thema rein und jede:r konnte Gedanken dazu sharen. To all my relations.

Rückfahrt vom Baden, fliegt ein Riese von Insekt ins Autofenster und mir hinten in den Kragen, nicht wirklich denke ich noch, mache den Witz, da ist ein Vieh reingeflogen und wenn ich mich jetzt zurücklehne dann ist es eingeklemmt und sticht mich sofort, denke es ist hinten aus dem Fenster wieder raus, die andern so was denn für ein Vieh, und PENG sticht mich die Fickscheisse doch wirklich unter’s rechte Schulterblatt, ich denke mich knallt die Peitsche, aber so richtig, AAAAAAA FUUUUUKKK, ein Glück waren wir auf einem kleineren Feldweg, ich also erstmal brems, stop, hektisch rausfinden wie man dieses verfickte Mietauto ausschaltet, raus aus der Tür, Hemd aufknöpfen so schnell es geht, über den Kopf ziehen keine gute Idee denke ich, weil es dann noch mehr zusammen gepresst wird, oder mir am Ende selber noch auf den Rücken hauen. Solche Schmerzen, Hammer. Jetzt schon zwei Stunden her, juckt nicht. zwickt wie Hölle. Schätze Wespe, die jucken auch erstmal nicht, die tun nur weh, oder irgendwas exotisches (für ne Wespe eigentlich zu groß). lch bin etwas benommen, das kann aber auch von der Hitze sein, am schattenlosen Strand. Leider habe ich das Insekt nicht behalten können / wollen und es war dann einfach weg. 

Lese endlich Trainspotting, das ist wirklich ein Shift, raus aus dem Urlaub, rein in die asoziale Drogenhölle (Nordengland passt irgendwie zum schlabbrigen, unordentlichen Portugal) und wieder raus und zurück in den Urlaub. Dazwischen immer mal die slightly-experimentale Anthologie, die ich mir vor Monaten bestellt hatte, Heavy Traffic, für obszöne 25 Dollar und gefühlte 3 Monate Lieferzeit. Irgendwie war es Zeit für sowas, ich hatte Bock. Damals (natürlich) erst gar nicht gelesen, jetzt aber mitgenommen. Eben hat mir die Autorin „Sierra Armor“ gefallen, und was ist schon experimentell wenn es um Sprache geht. Let it rain, let there be Krümel und Vollkornbrot.

I want to kiss you / but you don’t have a face / for ten seconds / movement is still an option for me

-pb

30.07.24 10:03

So ist das wohl mit uns Menschen, jemand ist freundlich, interessiert sich, wertschätzt und gleich haben wir Hoffnung, die Welt sei doch nicht ganz verloren und drehen durch.

Ich trug zum Surfen einen viel zu kleinen Neoprenanzug, darüber ein zu kleines T-Shirt (die Schulen haben unterschiedliche Farben, damit sie die Leute in dem Gewusel zuordnen können), kriegte kaum Luft und sah aus wie die Presswurst, hatte ich doch vom guten Essen schon ordentlich zugelegt. Nichts mehr zu sehen von dem wie es vor kurzem noch war, ganz im Gegenteil, Modell Albino-Nilpferd, als hätte mich im Leben kein Sportplatz gesehen. Plattarsch, Fettbauch wie zwei verschluckte Medizinbälle, Doppelkinn, Glatze mit nassen Fusseln, zwei misanthrophisch dreinblickende Schweinsäuglein und dann noch diese übergroße hässliche Nase. 

-pb